Public Speaking Tipps: Warum Präsenz wichtiger ist als Perfektion

Maxi Knust

Ich habe über die Jahre viele Vorträge, Workshops und Interviews gemacht und irgendwann auch einen TED Talk gehalten. Gerade auf diesen TED Talk habe ich mich besonders intensiv vorbereitet.

Wenn ich heute gefragt werde, was beim Public Speaking wirklich den Unterschied macht, ist meine Antwort überraschend simpel:

Es geht viel weniger darum, noch mehr Wissen zu haben. Es geht um Präsenz.

Denn seien wir ehrlich: Wenn du auf einer Bühne über dein eigenes Fachgebiet sprichst, ist dein Wissen normalerweise nicht das Problem. Du arbeitest seit Jahren in diesem Thema, kennst dich aus, sprichst im Alltag mit Kund*innen darüber und hast wahrscheinlich schon hundertmal erklärt, was du machst.

Du musst auf der Bühne also nicht plötzlich noch schlauer werden.

Du musst lernen, das Wissen, das bereits da ist, präsent zu machen.

Genau darum geht es bei den folgenden Public Speaking Tipps: nicht um den perfekten Vortrag, sondern darum, sicherer aufzutreten, deine Stimme bewusst einzusetzen und auch dann souverän weiterzumachen, wenn nicht alles nach Plan läuft.

1. Dein souveräner Auftritt beginnt bei deinen Füßen

Das klingt zunächst banal, ist für mich aber einer der wichtigsten Public Speaking Tipps überhaupt: Achte darauf, wie du stehst.

Beide Füße auf den Boden. Stabil stehen. Gewicht möglichst gleichmäßig verteilen. Aufrechte Haltung. Und vor allem: nicht permanent von einem Bein auf das andere wippen oder nervös über die Bühne tippeln.

Dein Körper braucht ein Fundament.

Auch Toastmasters International empfiehlt für eine stabile Haltung beim Public Speaking unter anderem einen sicheren Stand und bewusste statt nervöser Bewegungen.

Das heißt natürlich nicht, dass du wie angewurzelt an einer Stelle stehen musst. Du darfst dich bewegen, deine Hände einsetzen und die Bühne nutzen. Entscheidend ist, dass deine Bewegungen bewusst wirken und nicht wie ein körperliches Ventil für deine Nervosität.

Auch bei deiner Kleidung gilt: Wähle das, worin du dich sicher fühlst. Wenn du dich in High Heels wohlfühlst, trag sie. Wenn du dich in flachen Schuhen stabiler fühlst, sind diese vielleicht die bessere Wahl.

Es geht nicht darum, irgendeine vermeintlich perfekte Speaker*innen-Ästhetik zu erfüllen.

Es geht darum, dich in deinem Körper sicher zu fühlen.

Mir persönlich hat Yoga dabei geholfen, ein besseres Gefühl für meine Haltung und meinen Körper zu entwickeln. Du musst natürlich nicht anfangen, Yoga zu machen, um besser zu sprechen.

Der entscheidende Punkt ist ein anderer: Körperhaltung ist nicht nur etwas, das dein Publikum sieht. Du spürst sie selbst.

Kleiner Tipp: Probiere einmal Power Posing aus! Hier kannst du mehr dazu lesen.

2. Deine Stimme ist dein wichtigstes Instrument

Wenn wir nervös sind, passiert häufig etwas Typisches: Wir sprechen schneller. Vielleicht werden wir leiser, verschlucken Wortenden oder sprechen weniger deutlich.

Dabei ist deine Stimme eines deiner wichtigsten Werkzeuge auf der Bühne.

Deshalb würde ich sie genauso betrachten wie Musiker*innen ihr Instrument: Du kannst sie trainieren.

Natürlich kann ein Speaking Coach dabei helfen. Ich hatte damals allerdings nicht die Möglichkeit, mit einem Coach zu arbeiten. Also habe ich gesungen.

Ganz simpel: Ich habe mir kraftvolle Songs ausgesucht und sie laut gesungen.

Nicht, weil ich Sängerin werden wollte. Und schon gar nicht, weil es besonders gut klingen musste.

Es ging darum, meine Stimme bewusst zu aktivieren und körperlich zu erleben:

Meine Stimme darf laut sein.

Meine Stimme darf Raum einnehmen.

Ich darf gehört werden.

Auch beim Sprechen lohnt es sich, die eigenen Muster kennenzulernen. Sprichst du zu schnell? Übe bewusst langsamer. Nuschelst du? Konzentriere dich auf deutliche Artikulation. Verschluckst du Wortenden? Sprich sie beim Üben bewusst übertrieben aus.

Du musst deine Stimme nicht komplett verändern. Du solltest sie kennenlernen.

3. Erlaube dir, Raum einzunehmen

Diesen Gedanken finde ich beim Thema Public Speaking gerade für Frauen besonders wichtig:

Du darfst Raum einnehmen.

Und zwar nicht nur metaphorisch.

Du darfst körperlich Raum einnehmen. Aufrecht stehen. Dich auf der Bühne bewegen. Deine Hände und Arme benutzen.

Du darfst stimmlich Raum einnehmen. Deine Stimme darf präsent und kräftig sein.

Und du darfst zeitlich Raum einnehmen.

Gerade als Schnellsprecherin kenne ich den Gedanken gut, möglichst schnell zum Punkt kommen zu müssen. Man möchte die anderen nicht zu lange beanspruchen. Vielleicht denkt man sogar unbewusst: „Die Leute wollen bestimmt langsam weiter.“

Aber warum eigentlich?

Die Menschen sitzen dort, weil sie deinen Vortrag hören möchten. Wenn für deinen Talk 20 Minuten vorgesehen sind, darfst du diese 20 Minuten nutzen.

Du darfst einen Gedanken ausformulieren.

Du darfst eine Pause machen.

Du darfst einen Satz wirken lassen.

Einer meiner wichtigsten Public Speaking Tipps ist deshalb: Beobachte einmal, ob hinter deinem Sprechtempo möglicherweise mehr steckt als reine Gewohnheit.

Vielleicht ist es Nervosität. Vielleicht bist du einfach von Natur aus eine Schnellsprecherin. Vielleicht steckt aber auch der Glaubenssatz dahinter, nicht zu viel Raum einnehmen zu dürfen.

4. Wenn du schnell sprichst, übe Langsamkeit

Eine Übung für Schnellsprecher*innen, die sich zunächst ziemlich absurd anfühlen kann:

Sprich bewusst langsamer, als es sich für dich richtig anfühlt.

Wenn du normalerweise sehr schnell sprichst, fühlt sich ein normales Sprechtempo für dich möglicherweise bereits langsam an.

Und wenn du tatsächlich bewusst langsam sprichst, denkst du vielleicht:

„Oh Gott, das ist ja quälend.“

Sehr wahrscheinlich empfindet dein Publikum das völlig anders.

Gerade bei Konferenzen bekommen Menschen unglaublich viel Input. Sie müssen Informationen aufnehmen, verarbeiten und miteinander verknüpfen. Gib ihnen die Zeit dafür.

Und: Halte Pausen aus.

Eine Sekunde Stille fühlt sich für die Person auf der Bühne häufig wesentlich länger an als für das Publikum.

Wenn du bewusst langsamer sprichst, einzelne Wörter deutlich aussprichst und Pausen zulässt, verändert sich nicht nur dein Sprechtempo.

Es verändert deine Präsenz.

5. Beobachte deine Füllwörter – aber werde nicht perfektionistisch

Ähm. Also. Quasi. Sozusagen.

Wir alle haben sprachliche Angewohnheiten.

Eine einfache Möglichkeit, deine eigenen zu entdecken: Nimm dich beim Sprechen auf. Das kann ein Probevortrag sein, ein Interview, ein Podcast oder einfach eine zweiminütige Sprachnachricht.

Hör anschließend nicht nur darauf, was du sagst, sondern wie du sprichst.

Welche Füllwörter verwendest du häufig? Wo wirst du plötzlich schneller? Wo nuschelst du? Wo könntest du eine Pause machen?

Aber bitte verfalle dabei nicht in Perfektionismus.

Ein gelegentliches „ähm“ ruiniert keinen Vortrag. Menschen sprechen nun einmal nicht wie perfekt geschnittene Nachrichtensprecher*innen.

Wenn ein bestimmtes Füllwort allerdings in nahezu jedem zweiten Satz auftaucht und vom Inhalt ablenkt, kannst du anfangen, es bewusst zu reduzieren.

Diese Selbstwahrnehmung ist langfristig viel wertvoller als zehn Kommunikationsregeln, an die du während deines Vortrags gleichzeitig denken sollst.

6. Kurz vor dem Auftritt: Hör auf zu lernen

Das ist wahrscheinlich einer meiner wichtigsten Public Speaking Tipps.

Wenn du dich vorbereitet hast, dann hast du dich vorbereitet.

Du musst nicht fünf Sekunden vor deinem Auftritt noch auf Karteikarten schauen und versuchen, einen weiteren Satz in dein Gehirn zu pressen.

Irgendwann kommt der Moment, an dem du deinen Kopf in Ruhe lassen solltest.

Mach Musik an. Beweg dich. Lauf ein bisschen herum. Atme. Mach irgendetwas, das dich aus diesem angespannten „Gleich muss ich performen“-Modus herausholt.

Denn bei der Vorbereitung auf einen wichtigen Vortrag passiert schnell etwas:

Aus

„Ich möchte Menschen etwas Interessantes erzählen“

wird plötzlich

„Ich muss jetzt 20 Minuten lang perfekt performen.“

Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Professionelle Vorbereitung ist wichtig. Auch Toastmasters International betont bei der Vorbereitung von Präsentationen, wie entscheidend eine klare Kernbotschaft und sinnvolle Vorbereitung sind. Gleichzeitig kann ein wortwörtlich auswendig gelerntes Skript problematisch werden, wenn du dich dadurch zu stark an einzelne Formulierungen klammerst.

Bereite dich vor. Und dann vertraue auf deine Vorbereitung.

7. Skript oder frei sprechen? Beides kann funktionieren

Du kannst deinen Vortrag komplett ausschreiben. Du kannst mit Stichpunkten arbeiten. Oder du kannst beide Methoden kombinieren.

Finde heraus, womit du dich sicher fühlst.

Was ich allerdings wichtig finde:

Verwechsle dein Skript nicht mit deinem Vortrag.

Wenn du während deines Vortrags einen Satz anders formulierst als geplant, ist das völlig egal.

Wenn du einen Gedanken etwas anders erklärst als zu Hause: egal.

Wenn du eine Formulierung vergisst: ebenfalls egal.

Niemand im Publikum kennt dein ursprüngliches Skript.

Nur du.

Deshalb bist auch nur du in der Lage zu bemerken, dass du gerade davon abweichst.

8. Was tun bei einem Blackout?

Eine der größten Ängste beim Public Speaking ist wahrscheinlich dieser Moment:

„Scheiße. Was wollte ich jetzt sagen?“

Und dann passiert häufig etwas Kontraproduktives. Man versucht verzweifelt, exakt diesen einen verlorenen Gedanken wiederzufinden.

Dadurch steigt der Stress und plötzlich ist nicht nur ein Satz weg, sondern der ganze Kopf leer.

Mein Tipp:

Lass den Gedanken los.

Du kannst einen Punkt wiederholen. Kurz zusammenfassen. Eine Überleitung machen. Zum nächsten Gedanken springen.

Das Publikum weiß nicht, was du eigentlich sagen wolltest.

Stell dir eine Balletttänzerin vor, die sich während einer Choreografie kurz vertanzt. Sie selbst weiß exakt, dass gerade etwas falsch gelaufen ist. Ein Großteil des Publikums kennt die Choreografie jedoch gar nicht.

Auf der Bühne ist es ähnlich. Du kennst deinen Fehler.

Das Publikum kennt nur den Vortrag, den du tatsächlich hältst.

Einer der befreiendsten Public Speaking Tipps lautet deshalb: Hör auf, während des Vortrags permanent deine tatsächliche Performance mit dem perfekten Vortrag in deinem Kopf zu vergleichen.

Mach einfach weiter.

9. Was, wenn du eine Frage nicht beantworten kannst?

Diese Situation kenne ich selbst.

Ich hatte einmal ein Radiointerview, bei dem mir Fragen gestellt wurden, bei denen ich innerlich wirklich dachte:

„Ich habe absolut keine Ahnung, was ich darauf gerade antworten soll.“

Und genau solche Situationen zeigen: Souveränität bedeutet nicht, auf jede Frage innerhalb von drei Sekunden die perfekte Antwort zu kennen.

Du kannst sagen, wenn etwas außerhalb deines Fachgebiets liegt. Du kannst einen Aspekt der Frage aufgreifen, zu dem du etwas beitragen kannst. Du kannst nachfragen, wie die Frage gemeint ist. Oder du kannst erklären, was du zu einem verwandten Punkt weißt.

Der entscheidende Punkt ist: Bleib im Gespräch.

Du bist nicht weniger kompetent, nur weil du nicht jede Information der Welt spontan abrufen kannst.

10. Die ersten Minuten sind häufig die schwierigsten

Vor einem Workshop oder Vortrag kann ich unglaublich nervös sein.

Und trotzdem weiß ich mittlerweile: Sobald ich angefangen habe zu sprechen, komme ich meistens rein.

Die ersten Minuten sind häufig die schwierigsten. Dein Körper muss sich an die Situation gewöhnen. Das Adrenalin ist da. Alle schauen dich an. Vielleicht hörst du deine eigene Stimme plötzlich viel bewusster.

Und dann passiert etwas:

Du redest. Du kommst ins Thema. Du merkst, dass du weißt, wovon du sprichst.

Und plötzlich wird es leichter.

Deshalb sage ich mir bei einem 30-minütigen Vortrag nicht:

„Oh Gott, ich muss jetzt 30 Minuten auf dieser Bühne stehen.“

Sondern: „Ich muss nur anfangen.“

Der Rest kommt.

11. Nervosität ist nicht dein Feind

Ich würde gar nicht versuchen, Nervosität vollständig loszuwerden.

Ein bisschen Nervosität gehört für mich zum Public Speaking dazu.

Sie gibt Energie. Sie macht aufmerksam. Sie zeigt dir, dass dir dieser Moment nicht völlig egal ist.

Das Ziel muss deshalb nicht lauten:

„Ich darf nicht nervös sein.“

Eine hilfreichere Haltung kann sein:

„Ich kann nervös sein und trotzdem auftreten.“

Wenn du vor deinem Auftritt merkst, dass dein Kopf immer schneller wird, kann es außerdem helfen, die Aufmerksamkeit bewusst wieder auf deinen Körper zu richten: Füße auf dem Boden spüren, Schultern lockern, ruhig atmen.

Nicht, um deine Nervosität innerhalb von 30 Sekunden magisch verschwinden zu lassen.

Sondern um dir selbst ein körperliches Signal zu geben: Ich bin hier. Ich stehe. Ich atme. Ich kann anfangen.

12. Und dann kommt der schlimmste Teil: danach

Für diesen Teil habe ich bis heute keine perfekte Lösung.

Das Gefühl direkt nach einem Vortrag: „Oh Gott. Was habe ich da gerade erzählt?“

Das Publikum sagt: „Das war großartig!“

Und du denkst: „Seid ihr sicher?“

Ich kenne dieses Gefühl selbst nach Jahren noch.

Das Problem ist: Wir kennen die Version des Vortrags, die wir im Kopf hatten. Wir wissen, welchen Satz wir eigentlich sagen wollten. Wir erinnern uns an die zwei Sekunden, in denen wir kurz den Faden verloren haben.

Das Publikum kennt diese Version nicht. Es hat nur den Vortrag erlebt, den du tatsächlich gehalten hast.

Natürlich kannst und solltest du anschließend reflektieren, was beim nächsten Mal besser laufen könnte.

Aber zwischen konstruktiver Reflexion und einer einstündigen inneren Fehleranalyse liegen Welten.

Nicht jede kleine Abweichung ist ein Problem, das beim nächsten Vortrag „repariert“ werden muss.

13. Vertraue auf das, was bereits da ist

Das ist wahrscheinlich der wichtigste meiner Public Speaking Tipps.

Wenn du seit zehn oder zwanzig Jahren in deinem Thema arbeitest, musst du dich vor einem Vortrag nicht plötzlich komplett neu mit deinem eigenen Fachgebiet beschäftigen.

Du weißt es. Du sprichst darüber. Du hast Erfahrungen gesammelt. Du hast Probleme gelöst.

Du hast wahrscheinlich schon hundertmal Dinge erklärt, über die du jetzt auf der Bühne sprechen möchtest.

Dieses Wissen ist da.

Du musst nicht jeden einzelnen Satz kontrollieren. Du musst nicht perfekt sein.

Du musst nicht jede Frage perfekt beantworten. Du musst nicht exakt das sagen, was du dir vorher aufgeschrieben hast.

Und du musst dich auch nicht erst vollkommen sicher fühlen.

Was du brauchst, ist ein stabiler Stand, eine Stimme, die Raum einnehmen darf, Vertrauen in dein eigenes Wissen – und die Bereitschaft, weiterzumachen, wenn einmal etwas nicht nach Plan läuft.

Denn Public Speaking ist nicht die Kunst, niemals einen Fehler zu machen.

Es ist die Kunst, auch dann souverän weiterzusprechen, wenn einer passiert.

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