Power Posing: Wie deine Körpersprache dein Selbstbewusstsein beeinflusst

Maxi Knust

Vor allem Frauen machen sich häufig kleiner, als sie eigentlich sind. Das kann mit Sozialisation, Erziehung und gesellschaftlichen Erwartungen zusammenhängen. Doch gerade im Business spielt Selbstbewusstsein eine wichtige Rolle: beim Vorstellungsgespräch, im Meeting, bei einer Präsentation oder beim Pitch vor Investor:innen. Eine selbstbewusste Körpersprache kann dabei einen entscheidenden Unterschied machen.

Genau hier setzt Power Posing an. Die Idee: Durch eine offene, raumeinnehmende Körperhaltung können wir beeinflussen, wie andere uns wahrnehmen und möglicherweise auch, wie wir uns selbst fühlen.

Bekannt wurde das Konzept vor allem durch die amerikanische Sozialpsychologin Amy Cuddy, die gemeinsam mit Kolleg:innen untersuchte, welchen Einfluss sogenannte Power Poses auf unser Verhalten und Empfinden haben können.

Doch was steckt wirklich hinter Power Posing und wie kannst du es im Business-Alltag nutzen?

Was ist Power Posing?

Unter Power Posing versteht man offene und ausgedehnte Körperhaltungen, die Stärke und Selbstbewusstsein ausdrücken. Statt den Körper klein zu machen, die Schultern einzuziehen oder Arme und Beine eng am Körper zu halten, nimmt man bewusst mehr Raum ein.

Zwei Merkmale sind dabei besonders charakteristisch: Offenheit und Ausgedehntheit.

Ein klassisches Beispiel ist die Siegerpose: Arme nach oben, Brust geöffnet, Kopf aufrecht. Interessanterweise nehmen Menschen eine solche Haltung häufig ganz automatisch ein, wenn sie gewinnen oder einen Erfolg feiern.

Auch in der Tierwelt finden wir ähnliche Verhaltensweisen. Tiere versuchen beispielsweise größer zu wirken, indem sie ihre Brust herausstrecken, ihr Gefieder auffächern oder ihren Körper aufrichten.

Das Gegenteil davon sind geschlossene Körperhaltungen: verschränkte Arme, eingezogene Schultern, gesenkter Kopf oder Bewegungen, durch die wir möglichst wenig Raum einnehmen.

Power Posing

Power Posing und die Wirkung unserer Körpersprache

Unser nonverbales Verhalten beeinflusst, wie andere Menschen uns wahrnehmen. Noch bevor wir viel gesagt haben, ziehen andere Rückschlüsse daraus, wie wir stehen, sitzen, uns bewegen oder Blickkontakt halten.

Wir interpretieren Körpersprache beispielsweise als selbstbewusst, unsicher, offen, angespannt, dominant oder zurückhaltend.

Überlege einmal kurz, was du gerade mit deinem Körper machst.

Hast du die Arme verschränkt? Die Beine gekreuzt? Die Schultern nach vorne gezogen? Machst du dich vielleicht automatisch kleiner, wenn du neben anderen Menschen sitzt?

Gerade Frauen lernen häufig früh, sich körperlich eher zurückzunehmen. Beine zusammen, nicht zu viel Platz beanspruchen, „ladylike“ sitzen. Raumeinnehmendes Verhalten kennen wir dagegen traditionell eher von Männern.

Natürlich bedeutet selbstbewusste Körpersprache nicht, rücksichtslos den Platz anderer Menschen einzunehmen. Es lohnt sich aber, darauf zu achten, ob wir uns unbewusst kleiner machen, als wir sein müssten.

Denn Körpersprache wirkt nicht nur nach außen. Sie kann auch beeinflussen, wie wir uns in einer bestimmten Situation selbst erleben.

Power Posing nach Amy Cuddy: „Fake it until you become it“

Besonders bekannt wurde Power Posing durch die Sozialpsychologin Amy Cuddy und ihren TED Talk zum Thema Körpersprache.

Die dahinterstehende Frage ist spannend: Wenn Menschen, die sich mächtig und selbstbewusst fühlen, automatisch eine offene Körperhaltung einnehmen – funktioniert dieser Zusammenhang möglicherweise auch andersherum?

Können wir also eine selbstbewusste Körperhaltung bewusst einnehmen und uns dadurch anschließend tatsächlich selbstbewusster fühlen?

Oder anders gesagt: Fake it until you become it?

Die ursprüngliche Studie von Amy Cuddy, Dana Carney und Andy Yap aus dem Jahr 2010 sorgte genau deshalb für große Aufmerksamkeit.

Die Studie zu Power Posing

Für die ursprüngliche Untersuchung nahmen Proband:innen für kurze Zeit entweder besonders offene, raumeinnehmende oder geschlossene, zurückhaltende Körperhaltungen ein.

Anschließend untersuchten die Forschenden unter anderem Risikobereitschaft sowie die Hormone Testosteron und Cortisol. Die ursprüngliche Studie kam zu dem Ergebnis, dass expansive Körperhaltungen mit einer höheren Risikobereitschaft, einem höheren Testosteronspiegel und einem niedrigeren Cortisolspiegel verbunden waren.

Diese Ergebnisse machten die Idee weltweit bekannt: Schon wenige Minuten in einer selbstbewussten Körperhaltung sollten demnach messbare Veränderungen im Körper hervorrufen können.

Heute muss man diese Schlussfolgerung allerdings differenzierter betrachten.

Spätere Untersuchungen konnten insbesondere die behaupteten hormonellen Veränderungen nicht zuverlässig reproduzieren. Die Forschung zu sogenannten expansiven Körperhaltungen liefert ein deutlich komplexeres Bild als die ursprüngliche Studie vermuten ließ.

Das bedeutet nicht automatisch, dass die eigene Körperhaltung vollkommen irrelevant ist. Die starken Aussagen, dass zwei Minuten Power Posing zuverlässig Testosteron erhöhen, Cortisol senken oder beruflichen Erfolg beeinflussen, gelten heute jedoch nicht als ausreichend wissenschaftlich belegt.

Kann Power Posing trotzdem das Selbstbewusstsein stärken?

Hier wird es für den Alltag interessanter. Denn selbst wenn die bekannten hormonellen Effekte nicht als gesichert gelten, kann es sinnvoll sein, die eigene Körpersprache bewusst wahrzunehmen und zu verändern.

Wer vor einem wichtigen Gespräch zusammengesunken auf einem Stuhl sitzt, auf das Smartphone schaut und die Schultern nach vorne zieht, erlebt die Situation möglicherweise anders als jemand, der aufrecht steht, ruhig atmet und bewusst eine offene Haltung einnimmt.

Dabei geht es weniger um eine magische Zwei-Minuten-Formel als um die Frage:

Welche Körperhaltung hilft dir persönlich dabei, dich präsent, ruhig und selbstbewusst zu fühlen?

Du kannst es selbst ausprobieren und beobachten, ob du einen Unterschied wahrnimmst.

Power Posing vor Bewerbungsgespräch, Präsentation oder Pitch

Gerade vor Situationen, in denen du souverän auftreten möchtest, kannst du mit deiner Körperhaltung experimentieren.

Suche dir kurz vor einem wichtigen Gespräch einen ruhigen Ort. Statt zusammengesunken auf dein Smartphone zu schauen, stelle dich für ein oder zwei Minuten bewusst aufrecht hin.

Stelle deine Füße etwa hüftbreit und stabil auf den Boden. Richte deinen Oberkörper auf, nimm die Schultern zurück und öffne deinen Brustkorb. Du kannst auch die Arme ausstrecken oder für einen Moment eine klassische Siegerpose einnehmen.

Das Ziel ist nicht, dich künstlich dominant zu fühlen. Vielmehr kannst du Power Posing als kleines Ritual nutzen, um deine Aufmerksamkeit bewusst auf Präsenz und eine selbstbewusste Körpersprache zu lenken.

Vor allem, wenn du einen Vortrag oder als Public Speaker eine Keynote hältst, kann Power Posing als Teil der Vorbereitung sehr hilfreich sein.

Selbstbewusste Körpersprache während eines Gesprächs

Noch wichtiger als die zwei Minuten vor einem Termin ist wahrscheinlich, wie du dich während des eigentlichen Gesprächs verhältst.

Versuche, dich nicht unnötig klein zu machen. Wenn du sitzt, kannst du beispielsweise beide Füße stabil auf den Boden stellen und deine Arme entspannt ablegen.

Wenn du stehst, stelle die Beine etwa hüftbreit auseinander und verteile dein Gewicht möglichst gleichmäßig.

Das fällt mir persönlich übrigens bis heute nicht immer leicht. Ich neige beispielsweise dazu, die Beine zu kreuzen und mein Gewicht auf ein Bein zu verlagern.

Entscheidend ist deshalb zunächst, die eigene Körpersprache überhaupt wahrzunehmen. Wenn dir auffällt, dass du dich gerade wieder möglichst klein machst, kannst du deine Haltung bewusst verändern.

Nicht, weil eine bestimmte Pose automatisch Erfolg garantiert. Sondern weil du selbst entscheiden kannst, wie du auftreten und wie viel Raum du einnehmen möchtest.

Power Posing: Kleine Veränderung, große Wirkung?

Die ursprüngliche Begeisterung rund um Power Posing beruhte teilweise auf wissenschaftlichen Ergebnissen, die heute deutlich vorsichtiger interpretiert werden müssen. Zwei Minuten in einer bestimmten Pose sind kein garantierter Shortcut zu mehr Testosteron, weniger Stress oder beruflichem Erfolg.

Die grundlegende Idee dahinter bleibt trotzdem spannend: Unsere Körpersprache ist ein wichtiger Bestandteil davon, wie wir auftreten und von anderen wahrgenommen werden.

Gerade vor einem Pitch, einer Präsentation, einem Vorstellungsgespräch oder einem wichtigen Meeting kann es deshalb sinnvoll sein, nicht nur darüber nachzudenken, was du sagen möchtest, sondern auch darüber, wie du dabei auftrittst.

Mach dich nicht kleiner, als du bist.

Richte dich auf. Nimm deinen Raum ein. Und beobachte selbst, welchen Unterschied eine bewusst selbstbewusste Körperhaltung für dich macht.

Probiere es aus und berichte gerne, ob du einen Unterschied gespürt hast.

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